Jürg Wüst

Lesung                 Phil 1, 20ad-24.27a               
Evangelium
        
Mt 20, 1-16a

Liebe Gläubige

Im Verlauf der Geschichte hat sich der Bettag in seiner Bedeutung und in seinem Inhalt laufend verändert. Dadurch, dass der Feiertag aber ein staatlicher Feiertag ist, hat er auch politische Dimension. Es macht Sinn, wenn Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz einmal im Jahr sich über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg auf gemeinsame Werte und Orientierungspunkte besinnen und verständigen. Was können wir aus christlicher Perspektive zu diesem Dialog beitragen? Ich möchte nochmals den Dreiklang des heutigen Tages aufgreifen: Er wird Dank-, Buss-, und Bettag genannt. Beginnen wir mit dem Dank: Wir dürfen in einem Land leben, das trotz der grossen Krise, in die das kleine Virus die Welt geführt hat, durch das funktionierende politische System, die stark ausgebaute Infrastruktur insbesondere auch im Gesundheitswesen, die wirtschaftliche Stabilität und den ausgebauten Sozialstaat seinen Bügerinnen und Bürgern ein Leben in sehr grosser Sicherheit ermöglicht. Zudem dürfen wir uns vielerorts über intakte Gegenden und wunderschöne Landschaften freuen. Die Schweiz gibt uns sehr viel. Dafür gilt es zu danken. Aus christlicher Perspektive sprechen wir von Gottes Schöpfung. Wir stehen kirchlich gesehen zusammen mit den Schwesterkirchen in die Schöpfungszeit. Wer die Welt als Gottes grossartige Schöpfung sieht, betont das grosse Geschenk, das uns mit dem Leben und dieser Welt gemacht wurde. Wir sind so in der Verantwortung auch künftigen Generationen dieses grossartige Geschenk zu erhalten. Gerade als reiches Land sind wir diesbezüglich in der Pflicht. Mit diesem Gedanken sind wir beim zweiten Begriff der Busse angelangt: Busse tun heisst im ursprünglichen Sinn, innezuhalten und sich zu fragen, was gut läuft und was geändert werden müsste. Busse tun meint so, sich auf einen Weg der Umkehr zu begeben. Aus christlicher Perspektive ist damit die Frage verbunden, wie Gott diese Welt sieht. «Und siehe, es war sehr gut.» lautet das Leitwort der Schöpfungszeit. Für uns ein Ansporn genau hinzusehen und zu schauen, wo es nicht so läuft, wie es dem ursprünglichen Schöpfungsgedanken entspricht. So lesen wir etwa in der Schöpfungsgeschichte von der grossen Vielfalt der Schöpfung. Diese ist durch unser Verhalten und durch den Klimawandel, der vom Menschen verursacht wird, durch die intensive Nutzung des Landes und die Abholzung des Regenwaldes gefährdet. Hier wäre Umkehr gefragt auch bei uns in der Schweiz. Auch die Frage nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Güter spielt hier hinein. Wenn wir alle Gottes Schöpfung sind, dann darf es nicht sein, dass Menschen in dieser Welt entrechtet und würdelos leben müssen. Viele unserer Konsumgüter entstehen in Ländern mit miserablen Arbeitsbedingungen. Auch da sind wir als reiches Land weit mehr gefordert als andere. Eng zu «Busse tun» gehört das «Verzicht üben». Busse tun und Verzicht üben gehörte von Anfang an zum Bettag. Wie an hohen kirchlichen Feiertagen sind Sport-, Tanz-, Kultur- und Unterhaltungsanlässe in einigen Kantonen heute noch verboten. Das wird kaum mehr verstanden. Tun wir uns sowieso schwer mit Verzichten. Heute ginge es allerdings mehr darum, uns zu fragen, wie wir zu einem bescheideneren Lebensstil finden. Der Busstag ruft kritisch ins Bewusstsein, dass unser Land auf grossem Fuss lebt und sein Wohlstand nicht zu einem kleinen Teil auf Kosten anderer Länder und Menschen zurückzuführen ist. Wir bräuchten zum glücklich sein nicht alles, was wir uns leisten können. Ja, und eigentlich könnten wir es uns gar nicht leisten. Wir haben mit unserem Lebensstil schon im Mai die jährlichen Ressourcen aufgebraucht, wenn man unseren ökologischen Fussabdruck nimmt. Ein bescheideneres Leben und Verzicht würden deutlich machen, dass es auch anders geht. Worauf wir verzichten können, davon sind wir nicht abhängig. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns diesen unbequemen Anfragen nicht verschliessen und so tun, als ob alles in unserer Welt in bester Ordnung wäre. Wir dürfen uns als kleines Land nicht abschotten, sondern haben einen Betrag zu einem genügsameren Lebensstil zu leisten. Für uns Christinnen und Christen müssen Friede, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu den Grundanliegen des Miteinanders in der Gemeinde, in unserem Land und in der Welt gehören. Dank und Busse führen zum dritten Punkt, der Bettag. Die Erfahrung, in Ungerechtigkeiten verstrickt und gleichzeitig unverdient beschenkt zu sein, führt zum Gebet. Es lässt Ausschau halten nach dem, der alles Bruchstückhafte ganz macht, nach dem der uns bestärkt im guten Willen, der uns die Hoffnung nicht aufgeben lässt, dass es uns gelingen kann diese Welt und darin unser Land so zu gestalten, dass es uns und zukünftigen Generationen eine vielfältige und sichere Heimat bleiben und sein kann.

Amen