Jürg Wüst

Lesung:             Röm 13,8-10
Evangelium:   Mt 18, 15–20

Liebe Gläubige

Worte können verletzen. Worte können Unheil anrichten, das Klima zwischen uns Menschen vergiften und Beziehungen zerstören. Wir alle wissen das und kennen Situationen dazu. Und doch verwenden wir im Alltag Worte manchmal zu schnell und zu unüberlegt. Nicht selten sprechen wir nicht direkt mit anderen Menschen, sondern lästern über sie und verbreiten mit ihnen gemachte negative Erfahrungen hintenherum. Das direkte Gespräch mit den Betroffenen ist nicht einfach. Und doch würde es so viel ehrlicher sein und vielmehr zu einem guten Miteinander beitragen. Wird die Faust im Sack gemacht oder hintenherum über andere geschimpft, verändert das die Menschen und das Klima unter ihnen nicht. Vielmehr kommt es zu verfahrenen Situationen, wo nicht mehr miteinander, sondern nur noch über andere geredet wird. Menschen werden ausgegrenzt und abgewiesen. Schon in den frühen christlichen Gemeinden muss das ein wichtiges Thema gewesen sein. Der Evangelist Matthäus stellt in seinem Evangelium auf jeden Fall aus dem ihm überlieferten Material eine Rede zusammen, die das Zusammenleben in der Gemeinde thematisiert. Der heute gehörte Abschnitt ist ein Teil daraus. Voraus geht das Gleichnis vom Hirten, der die 99 Schafe auf dem Berg zurücklässt und dem verlorenen Schaf nachgeht und sich zutiefst freut, wenn er es findet. Matthäus fügt an: «So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.» Matthäus denkt sicher an jene, die in der Gemeinde noch nicht richtig ihren Platz gefunden haben und sich im eigenen Glauben schwach fühlen. Nach dem heute gehörten Abschnitt folgt das Gespräch Jesu mit Petrus, der fragt, wie oft er seinem Bruder vergeben soll. Jesus unterstreicht die Notwendigkeit, dem Nächsten die Schuld zu vergeben: «Nicht siebenmal, sondern 7mal70mal.»
Wir dürfen aus diesem Dreiklang «Verloren gehen – suchen und finden - und aufnehmen und vergeben» ableiten, dass Matthäus den Menschen in seinen Gemeinden sagen möchte, wie wichtig der Dialog ist. In den Gemeinden in denen schwache, nicht perfekte Mitglieder da sind und vielleicht auch solche unter ihnen leben, die Schuld auf sich geladen haben, ist es wichtig, besonders nach Fehlern und Brüchen im Leben von einzelnen das Gespräch zu suchen. Es wäre nach Matthäus im Sinn und Geist Jesu der falsche Weg, einander aus dem Weg zu gehen, auszuweichen und gar schweigend auszugrenzen.

Das Ziel soll Versöhnung sein, eine geschwisterlich-liebende und geeinte Gemeinde, in der die Menschen die Gegenwart Jesu und seinen Frieden spüren können. Ja und dazu braucht es die Bereitschaft zum offenen Gespräch, zum Dialog zunächst unter 4 Augen. «Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.» Gemeint ist hier sicher nicht eine Zurechtweisung im Sinn einer Standpauke. Ziel ist es, dass das Gegenüber auf das Gesagte hören und das auch positiv aufnehmen kann. Dazu müssen beide in einen Dialog treten.

Das griechische Wort: dialogein, von dem sich Dialog ableitet meint: in ein Gespräch finden und durch Worte in eine Beziehung kommen. Das Wort Dialog setzt sich aus «dia» und «logos» zusammen. «Dia» bedeutet «durch». «Logos» wird oft mit «Wort» übersetzt. Jesus wird als «logos» bezeichnet: «Und das Wort ist Fleisch geworden», heisst der berühmte Satz aus dem Johannesevangelium über Jesus. Hier zeigt sich aber auch eine ursprünglichere griechische Bedeutung. Logos kann auch mit «Beziehung» übersetzt werden. In Jesus, dem Logos tritt Gott in Beziehung zu uns Menschen. Der undurchdringliche unfassbare Gott wird in Jesus von Nazareth fassbar. In einen Dialog treten meint als nicht nur durch Worte einander etwas mitteilen, sondern durch Worte in Beziehung treten. Oder umgekehrt: Wer dialogfähig ist, ist fähig, die Beziehung durch die richtigen Worte zu stärken und zu fördern. Und genau das wünscht sich Matthäus. Sollte es einem Einzelnen nicht gelingen durch seine Worte die Beziehung zum Gegenüber wiederherzustellen, dann ist die Gemeinschaft gefordert. Lässt sich nichts ausrichten, so soll in einem erweiterten Gespräch, das vielleicht sachlicher und versöhnlicher wird, der richtige Ton, das richtige Wort gesucht werden. Wir werden mit dem heutigen Evangelium in die Pflicht genommen:
«Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein.»
All die Beziehungen, bei denen es gelingt, ein starkes Miteinander aufzubauen, haben Rückhalt auch bei Gott.
«und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.»
All die Verkrampfungen und aller Unfriede, der mit einem gelingenden Dialog gelöst werden kann, hat Rückhalt bei Gott.

Es hängt so viel an uns, mit unseren Worten nicht verletzend, sondern heilend zu wirken. Und doch, wo es dann trotz allen Versuchen scheitern sollte, da empfiehlt Matthäus die Geschicke im Gebet in Gottes Hände zu legen. Die eigenen Grenzen und Fehler nicht zu verdrängen hilft, geschwisterlich im Umgang miteinander zu bleiben. Das braucht Geduld und einen langen Atem. Aber Verurteilungen und unnötiges Auseinanderbrechen von Beziehungen können nur verhindert werden, wenn man dem anderen immer wieder eine neue Chance zugesteht. Sei es im offenen Dialog oder sei es letztlich im Gebet.
Amen