Jürg Wüst

Lesung:                                        Jes 55, 1-3

Evangelium:                              Mt 14, 13-21

Liebe Gläubige

Sie sind sicher auch schon an einem grösseren Bahnhof um- oder ausgestiegen und haben ähnliches erlebt. Das letzte Mal als ich in St. Gallen war, kam ich beim Hauptausgang die Rolltreppe hoch. Direkt in der Laufrichtung stand eine junge Frau und verteilte allen, die ihr nicht wie ich auswichen, ein Muster für ein Müesli, das in einer neuen Geschmacksorte auf den Markt gekommen ist.
«Es ist gratis!», rief mir eine andere Frau zu. «Schon gut», meine kurze Reaktion bevor ich schnellen Schrittes weiterging.
In solchen Situationen bin ich jeweils etwas zwiegespalten. Soll ich das annehmen. Andere tun es ja auch und gleichzeitig will ich mir nicht etwas aufschwatzen lassen. Denn die Absicht dahinter ist für alle klar. Gratis gibt es im Grunde nichts. Es ist nur gratis, weil sich diese Werbung in neuer Kundschaft bezahlt machen soll. So ist das Spiel des Marktes.
Gratis, umsonst gibt es eigentlich nichts, ausser es steht etwas, was durchaus noch gebraucht werden kann, am Strassenrand und es möchte sich jemand die Entsorgungsgebühren sparen und freut sich, wenn der Gegenstand nochmals Verwendung findet.
Aber auch da profitiert jemand. Gratis ist eigentlich nichts und wenn etwas gratis abgegeben wird wie im Beispiel vom Hauptbahnhof, steckt dahinter eine Verkaufsstrategie.
Ist es ebenfalls eine Verkaufsstrategie, die wir in der Lesung gehört haben? Wie ein Marktschreier tritt der Prophet Jesaja auf:
«Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide, und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!»
Was beabsichtigt Jesaja damit? Was möchte er da durch die Hintertür verkaufen? Ist es gar versteckte religiöse Werbung?
Nein, der Prophet Jesaja möchte nichts verkaufen. Er möchte auch niemanden für irgendetwas gewinnen.
Jesaja macht den Menschen klar, wie Gott handelt. Bei Gott gelten andere Gesetze als bei den Menschen und insbesondere in der Marktwirtschaft.
In der Marktwirtschaft wird gerechnet, aufgerechnet, abgerechnet.
Gott ist die Liebe. Er rechnet nicht vor wieviel etwas kostet. Gott rechnet nicht vor; nicht auf; nicht ab, sondern nur mit den Menschen.
Bei ihm sollen alle Menschen kommen dürfen. Auch - und ganz besonderes - jene, die nichts haben.
Ihr Durst und ihr Hunger sollen gestillt werden. Dass es dabei auch um seelischen Durst und Hunger geht, macht der 3 Vers deutlich: «Neigt euer Ohr mir zu, und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben.»
Geistige und seelische Nahrung wird in der Bibel oft mit Grundnahrungsmitteln, aber auch mit Wein und Brot verbunden. Ich bin das für euch sagt Jesus beim Abendmahl zu Brot und Wein.
Er drückt so seine Liebe zu den Menschen aus. Eine Liebe, die nicht vorrechnet, aufrechnet, abrechnet, sondern mit den Menschen rechnet.
Wie eine Parallelerzählung zum Abendmahlsbericht zeigt sich das heutige Evangelium von der Brotvermehrung.
«Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern.»
Im Unterschied zum Abendmahlsbericht, heisst es dann, dass die Jünger die Brote und die Fische verteilten.
Jesus rechnet mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Darum heisst es einleitend, als die Jüngerinnen und Jünger die Leute am Abend wegschicken wollten, damit sie sich Essen kaufen können, wie Jesus sagt:
«Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!»
Jesus rechnet mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Gott rechnet auch mit uns.
Und vielleicht geht es uns wie den Jüngerinnen und Jüngern, dass wir uns etwas gar nicht zutrauen:
«Sie sagten ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.» Und dabei sind da so viele Menschen. Das Evangelium von heute ermutigt, das Wenige, das wir haben einzusetzen. Dann kann Unerwartetes geschehen, so dass alle genug haben.
Wo Menschen wirklich gratis etwas von sich geben, ohne vor- und abzurechnen, da entstehen gnadenvolle Momente, um es mit einem alten Wort zu sagen. Aber gratis kommt vom lateinischen Wort gratia. Was so viel hiesst wie: Dank, Gnade, Geschenk.
Es ist ein grosses Geschenk, wenn hungrige und durstige Menschen satt sein können. Lassen auch wir uns jetzt hier nähren, dass wir gestärkt sind für die kommenden Tage, wenn wir gefordert werden:
«Gebt ihr ihnen zu essen!» Amen.