Hans Hüppi

Lesung:                     Jes 56, 1.6-7   ~ EU / GS

Evangelium:            Mt 15, 21-28

Liebe Mitchristen

Welcher Dämon quält dich manchmal?
- Mich quält, Gott sei Dank, nicht das Corona-Virus.
- Mich quält auch nicht die anstehende Pensionierung.
Eher schon quälen mich andere Zukunfts-Sorgen, zB:
der Raubbau, den unsere sog. Hochzivilisation mit der Natur, mit der Schöpfung Gottes, treibt.

  • Oder die zunehmenden, ausgrenzenden Nationalismen und Ausgrenzungen.
  • Oder die verschiedenen Sackgassen, in die wir uns hineinmanövriert haben.

Am Ende meiner Amtszeit, wenn ich so die Entwicklung der kirchlichen Arbeit überschaue, quält mich der Dämon: Ent-kirchlichung. Man könnte da buchstäblich von einem «fortlaufenden Erfolg» sprechen.
Viele haben mit Kirche nichts mehr am Hut, können mit der Institution schlicht nichts mehr anfangen.
Dabei hat sich in unserer Kirche vieles verbessert, gelockert; ist menschlicher, christlicher geworden. Dafür habe auch ich mich in den letzten 40 Jahren engagiert!
Gleichzeitig muss ich leider auch feststellen, dass wir von Rom her keinen Schritt weitergekommen sind. Im Gegenteil! Seit dem Aufbruch des 2. Vatikanischen Konzil, anfangs der 60er-Jahre, wurden die geistvollen Reformen von oben herab wieder abgewürgt. Gerade die letzte Instruktion der Kleruskongregation im Juli, nimmt die Zeichen der Zeit nicht ernst.
So schreibt dazu unser Bischof Markus:
«Auch bei mir hat das Dokument für Irritation und Unverständnis gesorgt.» Es treffe unsere Realität nicht. Es werde «zu Recht als klerikal verengt angesehen». So würden die anfangs im Dokument genannten guten Ziele «bei uns ganz sicher nicht erreicht».
«Im Bistum St. Gallen werden die Kirchgemeinden seit über 200 Jahren von gewählten Kirchbürgern und Kirchbürgerinnen verantwortlich verwaltet. Diesen synodalen Weg gehen wir weiter. in gegenseitigem Respekt und Wohlwollen, im Vertrauen auf Gottes Geist, ausgerichtet auf Christi Botschaft.»
Die Frohbotschaft Gottes ist zwar bei den meisten Zeitgenossen nicht mehr im Vordergrund. Aber die Sehnsucht nach Heil und Heilung – nach der umfassenden Liebe Gottes – ist nach wie vor in unserem Herz. Deshalb braucht es eine grosse Portion Beharrlichkeit gerade als Seelsorgende. Das heisst. es ist notwendig, manchmal lästig zu werden, um

  • stinkende Altlasten zu hinterfragen,
  • Sackgassen einer entmüdigenden Kirchenstruktur zu sehen und sie zu überwinden.

Ich höre von vielen meiner Kollegen und Kolleginnen solche Hilfeschreie nach Heilung von überholten Kirchenstrukturen.
Persönlich habe ich den Eindruck, dass wir da nicht auf die Bekehrung Roms warten können. Da warte ich schon seit 50 Jahren!
Andererseits genügt es nicht, Widerspruch, Aufbegehren, Anprangern, ja sogar Kirchenaustritt zu machen. All das bringt die gute Sache Jesu noch nicht weiter.
Es braucht Seelsorgende und engagierte Menschen, welche die Ur-Sehnsucht nach einem Sinn des Lebens - nach Vertrauen - nach Heilung - wachhalten und konkret etwas dafür tun.
Ausgerechnet von einer Frau – einer Ausländerin – einer Andersgläubigen lässt sich Jesus, im heutigen Evangelium, bekehren.
Es wird ihm bewusst, dass Glaube und Gottvertrauen nicht nur auf die eigene Religion oder auf einseitige Gottesvorstellungen eingeengt werden dürfen.
Dank der Hartnäckigkeit einer Frau, gelingt es Jesus, seine völkische Enge aufzubrechen, zu entfalten und die Universalität der Liebe Gottes wahrzunehmen.
Es geht im Leben eben nicht nur um mich selbst, um meinen Individualismus, um meine eigene Religion, oder, wie Jesus formuliert, um die «verlorenen Schafen des Hauses Israel» (Mt 15,24).
Alle, auch die Ausgegrenzten sollen von der Liebe Gottes, von der Geistkraft des Himmels, genährt werden.
In den Augen der Christen darf es seither keine verachtete «Hunde» mehr geben, die vom Tisch der Liebe ausgeschlossen sind.
Als Kirchen dürfen wir uns nicht von mittelalterlichen Vorschriften lähmen lassen.
Ich bin überzeugt, es braucht auch heute:

  • zornige Pensionäre
  • aufmüpfige Frauen und
  • protestierende Jugendliche,

damit es in unseren Kirchen einen Ruck vorwärts tut.
In diesen heilsamen Dienst an der Gottesliebe sollen sich alle Menschen stellen (Jes 56,6).
Gerade die Hierarchie der katholischen Kirche braucht dringend eine Art «vorauseilenden Gehorsam», der schon jetzt dem folgt, was erst noch an Hilfreichem kommen wird, dem was jetzt von der Kirche her offiziell noch nicht erlaubt wäre.
Gerade Christen waren in der Tradition immer wieder Pioniere, die der Liebe Gottes mehr vertrauten als menschlichen Vorschriften!
Wenn es jeder und jedem von uns gelingt, in diesem Bereich mutige Schritte zu wagen, eben das Richtige, das Heilsame, zu tun (Jes 56,1), dann lebt ein gesunder Glaube, dann blühen unsere Kirchen wieder neu auf.
Und - wie hiess es im heutigen Evangelium (Mt 15,28) :«von dieser Stunde an» erfahren wir Heilung, auch aus unsern Sackgassen.
Genau das wünsche ich für unsere Kirchenkrise - für die Schöpfung Gottes und - für mich persönlich zur Pensionierung.
Dafür werde ich mich auch als Pensionär weiterhin engagieren.             AMEN