Jürg Wüst

Lesung:          Gen 2,7-9;3,1-7

Evangelium: Mt 4,1-11

 

Liebe Gläubige

Wenn wir uns Bibeltexte anhören, dann kann nicht genug betont werden, dass die meisten keine geschichtlichen Berichte enthalten, sondern vielmehr Bilder, die übersetzt werden müssen. Diese enthalten dann Grundwahrheiten und Grundmuster, die sich durch die Jahrhunderte hindurchziehen. So zum Beispiel die Versuchungen Jesu: In diesen Versuchungen verbergen sich Grundmuster für Versuchungen, denen auch wir in unserem Leben heute ausgesetzt sind.

  • „Wenn du Sohn Gottes bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird! Jesus antwortet nicht nur vom Brot allein…“
    Es steckt hier die Versuchung alle seine Möglichkeiten nur im Materiellen zu suchen, sich materiell abzusichern.
  • „Stürz dich vom Tempel. Du wirst behütet sein. Du wirst auf Händen getragen. Nichts wird dir zustossen.“ Es ist hier die Versuchung, Grenzen, die uns gesetzt sind, nicht zu akzeptieren.
  • Alle Macht und Herrlichkeit will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“ Die Versuchung der Karriere um jeden Preis.

Auch in der berühmten Geschichte aus dem Ersten Testament von der Versuchung der Eva gibt es viele deutungswürdige Bilder. Einige wurden in der Vergangenheit einseitig interpretiert, so dass die Frauen pauschal als diejenigen betrachtet wurden, die sich verführen lassen und selber verführen. Aber lassen wir diese negative Wirkungsgeschichte des Textes beiseite. In den Schöpfungsberichten wollen Grundfragen des Menschseins thematisiert werden. Was am Anfang der Bibel erzählt wird, ist in der Menschheitsgeschichte immer wieder neu Thema.

Man sagt dem in der Fachsprache: «Mitlaufender Anfang…» Ein solches Grundthema, das die Menschen wohl nie loslassen wird und so immer mitläuft, ist die Frage nach dem, was in unserer Verfügungsgewalt steht. Das ist mit den Versuchungen Jesu auch gemeint. Menschen können nicht sein wie Gott. Sie müssen es auch nicht. Nicht alles ist uns möglich. Es sind uns immer wieder Grenzen gesetzt. Es ist wie Adam und Eva im Paradies, denen der Zugang zum Baum in der Mitte untersagt war. Das ist die grosse Versuchung: Der Mensch tut sich schwer mit Grenzen. Aber Menschsein heisst begrenzt und nicht vollkommen sein.

Wo Menschen sich diesbezüglich verlocken lassen, da wird viel zerstört. Schauen wir in unsere Welt heute. Wieviel Not und Tod bringt die Habgier. Fastenopfer und Brot für alle greifen das Thema vom Saatgut auf. Kleine Bauern werden immer mehr gezwungen Saatgut von Grosskonzernen zu kaufen. Unter dem Vorwand, den Saatgutsektor zu modernisieren und das geistige Eigentum der Züchtenden zu schützen, werden kleinbäuerliche Saatgutsysteme eingeschränkt und zerstört und das kommerzielle Saatgut der Grosskonzerne massiv gefördert. Dieses Saatgut ist aber schlecht an lokale Bedingungen angepasst, benötigt Dünger und Pestizide, die für teures Geld gekauft werden müssen. Im Text aus Genesis wird der Mensch aus dem Ackerboden heraus geschaffen. Die hebräischen Worte für Mensch und für Ackerboden sind beinahe identisch. Adam heisst Mensch, Adamah ist das Wort für den Ackerboden. Wir leben auf der Erde und wir leben aus der Erde, das spiegelt uns dieses biblische Bild des Adam, des Erdlings: Wir essen, was aus der Erde wächst: «Ich ernte, was ich säe» heisst der Slogan auf der Fastenopferagenda. Wir Menschen tun gut daran, das nicht zu vergessen und die Vielfältigkeit des Lebens zu schützen.

So wie wir Menschen unterschiedliche Gaben haben, die einander ergänzen und bereichern, so ist auch die Natur mit Vielfalt gesegnet. Doch diese Vielfalt ist bedroht, wo wir uns von der Natur entfernen und sein wollen wie Gott. So steht ebenfalls in der Agenda:

«90 Prozent der Sorten sind bereits von den Äckern verschwunden. Weltweit decken nur noch 15 Pflanzen- und 8 Tierarten unsere Ernährungsgrundlagen.» Wir brauchen die Erde, vom ersten bis zum letzten Atemzug, das macht uns zu «Erdlingen»! Schade und traurig, dass einige Erdlinge (Investoren und Grosskonzerne) das vergessen wollen und tun, als ob alles Machbare auch Sinnvoll ist. Die Texte aus der Bibel von heute erinnern uns daran, dass dem nicht so ist. Uns sind Grenzen gesetzt und wir Menschen tun gut daran, diese Grenzen auch ernst zu nehmen. Jesus liess sich um der Menschlichkeit willen nicht verführen. Lassen auch wir uns in dieser Fastenzeit in die Wüste führen, damit das Wesentliche des Lebens aufscheinen kann. Und lassen wir unsere Begrenztheit von Gott heilsam umfangen. Amen.