Jürg Wüst

Lesung: Num 6, 22-27

Evangelium: Lk 2,16-21

Predigt:

Liebe Gläubige

Schon bei einem anderen Jahreswechsel habe ich an jene Szene aus dem Buch Momo von Michael Ende erinnert als Momo zu Meister Hora kommt. Sie muss rückwärtsgehen. Die Zeit steht still. Wir wissen die Zeit läuft stetig vorwärts, sie steht nie still. Sie lässt sich weder zurückdrehen noch anhalten, selbst wenn wir das manchmal möchten. Viele sprechen davon, dass das 2020 ein verlorenes Jahr ist und man es ungeschehen machen möchte. Wo Menschen hart vom Schicksal getroffen wurden, kann man das nachvollziehen. Nur, wir alle wissen, das geht nicht. Es bleibt nur, nach vorne zu schauen, auch wenn eingestanden werden muss, dass das 2020 ein Krisenjahr war. Das Wort Krise stammt vom griechischen κρίσις und meint ursprünglich «Meinung», «Beurteilung», «Entscheidung» – später wird es im Sinne von «Zuspitzung» verwendet. Das Nomen Krisis ist mit dem altgriechischen Verb krínein verbunden. Dieses heisst «trennen» und «(unter-)scheiden». Wir tun wir gut daran, das Jahr 2020 nicht einfach hinter uns zu lassen, ohne abzuwägen und zu unterscheiden, was dieses Jahr uns an Erfahrungen für das weitere Leben mitgeben könnte. Es gilt zu beurteilen und sich eine Meinung zu bilden. Ein paar Worte möchte ich herausgreifen, die das Jahr 2020 geprägt hat.

abgesagt – Lockdown – bleiben Sie zuhause

Wir mussten im vergangenen Jahr auf vieles verzichten. Verzichtüben ist in sich nicht schlecht. Und es ist uns und der Welt zu wünschen, dass es uns Menschen leichter fällt auch in Zukunft freiwillig auf manches zu verzichten, das nicht notwendig zum Leben gehört oder das Leben nur schnell macht. Dreimal mit dem Flugzeug pro Jahr in die Ferien reisen, muss ja wirklich nicht sein. Man kann auch zuhause viel entdecken, das hat uns 2020 gelehrt. Weniger ist mehr. Wir müssen nicht unbedingt wieder ins Hamsterrad zurückfallen, in dem das Leben so schnell dreht, dass wir kaum nachkommen. George Orwell schon hat seine Zeit so analysiert: «Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.» Das Jahr 2020 hat uns mit dem Lockdown etwas anderes aufgezeigt. Momo im Buch von Michael Ende erinnert daran, dass wir uns auch langsamer durch die Zeit bewegen können. In diesem Sinn darf die Zeit des Lockdowns sicherlich nachklingen und weiterwirken, auch wenn es wirtschaftlich gesehen eine Katastrophe war und ist.

Weitere Worte, die 2020 geprägt haben: Hygienemasken - Abstandhalten

Das Jahr 2020 brachte uns bei, die Hygienemasken in den Alltag zu integrieren. Wer hätte das vor einem Jahr für möglich gehalten. Die Hygienemasken sind ein Mahnmal dafür, dass es gilt, Abstand zu halten. Das wird auch im kommenden Jahr noch länger so sein. Dennoch müssen wir vermeiden, dass mit den Masken gleichzeitig auch innere Mauern aufgebaut werden. Auf Nähe, Geborgenheit und Liebe können und dürfen wir nämlich trotz allem nicht verzichten. Es wäre fatal, wenn das gemeinschaftliche Leben nicht wieder neu aufblühen könnte, weil wir uns einigeln gelernt haben. Auch das lehrt uns Momo zusammen mit Meister Hora: Die Zeit lässt sich nicht nur zählen. Die Zeit hat auch eine Qualität. Wir brauchen jene Zeiten, die erfüllt sind von echten und tiefen Begegnungen und der Erfahrung von Gemeinschaft. Solche Zeiten sind uns allen von Herzen zu wünschen. Das Jahr 2020 habt uns gelehrt flexibel und kreativ zu sein, wenn es darum geht, das Leben und unsere Beziehungen zu gestalten. So sind Menschen durch Solidaritätsaktionen und entstandene Ideen auch näher zusammengerückt. Wenn diese positiven Erfahrungen auch in den kommenden Jahren Früchte tragen, dann ist aus dem schwierigen Jahr 2020 etwas gewonnen. Vielleicht ermutigt uns das Jahr 2021 dazu, welches zum internationalen Jahr für «Obst und Gemüse» erklärt wurde, nach diesen Früchten zu suchen oder nach dem zu fragen, was uns im Leben wirklich nährt. Das internationale Jahr für «Obst und Gemüse» will sich für eine gesunde Ernährung durch vermehrte nachhaltige Produktion und den Konsum von Obst und Gemüse einzusetzen. Wir können uns mit Recht auch für das seelische Wohlbefinden fragen, was nachhaltig ist. Was nährt uns wirklich? Was erhält uns seelisch gesund? Die deutsche Sozialpädagogin Helga Schäferling hat formuliert: «Gestaltete Zeit anstatt verwalteter Zeit ist umarmte Zeit.» Wo wir die Zeit gestalten, sie mit Leben füllen, da umarmen wir die Zeit, da lassen wir Menschen in unser Leben hinein, da wird uns bewusst, dass unter und hinter den Hygienemasken Menschen sind. Wir bleiben dann innerlich nicht auf Distanz, da gestalten wir die uns von Gott geschenkte Zeit bewusst als eine gemeinsame Zeit. Und so wird die Zeit zur Ankunftszeit Gottes, wenn wir den Gedanken von Weihnachten nochmals aufnehmen möchten. Hoffen wir für uns alle, dass die gelebte Solidarität vom letzten Jahr weiter nachklingt und dass das kommende Jahr wieder mehr Raum lässt, auch viel mehr reale Umarmungen zu erfahren, die nähren und zu Herzen gehen. Denn davon leben wir Menschen wirklich. Das erhält uns seelisch gesund. Ganz im Sinn von Ernst Ferstl, der schreibt: «Zeit die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.» Bitten wir Gott um seinen Segen für die kommenden 365 Tage, das sie uns in dieser Hinsicht viel geben mögen.

Amen