Jürg Wüst

Lesung:                                                 Ex 22, 20–26

Evangelium:                                       Mt 22,34-40

 

Liebe Gläubige

Die Zeilen der heutigen Lesung aus dem Buch Exodus sind klar und deutlich. Wir haben beim Vortragen einen sehr scharfen Teil ausgelassen, in dem vom Zorn Gottes die Rede ist. Die gehörten Passagen gehören in das sogenannte «Bundesbuch», einer Sammlung von Gesetzestexten, die das religiöse und gesellschaftliche Leben im alten Israel regeln. Auffallend ist, dass der Text auf Menschen blickt, die in der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und unter die Räder kommen. Und da, da kennt der Gott Israels keine Kompromisse. Darum kann sogar von seinem Zorn die Rede sein. Der Text beginnt mit den Fremden im eigenen Land, die man nicht ausnützen darf. Die Zuhörerenden werden daran erinnert, dass auch sie die Erfahrung des Fremdseins in Ägypten kennen. «Denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.» Es folgen die Witwen und Waisen, die nicht ausgebeutet werden sollen. Sie haben den Schutz der grösseren Familie oder Sippschaft verloren. Sie sollen der Umgebung nicht hilflos ausgeliefert sein. Schliesslich werden die Armen erwähnt, deren Notlage nicht ausgenützt werden darf und die mit Zinsen für geborgtes Geld nicht noch ärmer gemacht werden dürfen. Zudem darf ihnen auch das Lebensnotwendige nicht vorenthalten werden, wie ein Mantel, der sie in der Nacht vor Kälte schützt. «Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid», wird Gott als klares Bekenntnis zu den randständigen Menschen in dem Mund gelegt. Der Gott Israels ist kein neutraler Gott. Er ist ein Gott der Liebe. Und Liebe meint in diesem Zusammenhang nicht, brav und nett, sondern klar und deutlich. Liebe bezieht Stellung, Liebe ist mit Gerechtigkeit und Solidarität verknüpft. Im erwähnten «Bundesbuch» wird eine Gesellschaft gefordert, die gerechtes Handeln in den Fokus nimmt. Ja, diese gerechte Gesellschaft wird religiös begründet, weil sich Gott unausweichlich auf die Seite der Schwachen gestellt hat. Sie sind im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Gott zu lieben heisst darum, gerecht zu sein und für die Armen und Bedrängten, für die schutzlosen und gefährdeten Menschen einzustehen. Auch heute! Papst Franziskus unterstreicht diese Haltung in der neuesten wiederum sehr lesenswerten Enzyklika «Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft», welche vor 14 Tagen am 3. Oktober zum Todestag des Heiligen Franziskus veröffentlich wurde. Der Papst scheibt mit Bezug auf eine von ihm gehaltene Predigt in Sri Lanka: «Die aufrichtige und demütige Verehrung Gottes endet ’nicht etwa in Diskriminierung, Hass und Gewalt, sondern in der Achtung vor der Unverletzlichkeit des Leben, in der Achtung vor der Würde und Freiheit anderer und im liebevollen Einsatz für das Wohl aller’.» (FT 283) Für den Papst ist es wichtig, «dass die Katechese und die Predigt auf direktere und klarere Weise die soziale Bedeutung der Existenz, die geschwisterliche Dimension der Spiritualität, die Überzeugung der unveräusserlichen Würde jedes Menschen und die Beweggründe, um alle zu lieben und anzunehmen, einbezieht.» (FT 86) Beispiel ist für Papst Franziskus der barmherzige Samaritan, der dem unter die Räuber Gefallenen zum Nächsten wird. «Die Erzählung – sagen wir es deutlich – … zeigt uns eine oft vergessene wesentliche Charakteristik des menschlichen Seins: Wir sind für die Fülle geschaffen, die man nur in der Liebe erlangt. Es ist keine mögliche Option, gleichgültig gegenüber dem Schmerz zu leben; wir können nicht zulassen, dass jemand ‘am Rand des Lebens’ bleibt. Es muss uns so empören, dass wir unsere Ruhe verlieren und von dem menschlichen Leiden aufgewühlt werden. Das ist Würde.» (FT 68) Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter sind es gerade die religiösen Menschen, ja jene, die sich dem Gottesdienst widmen – ein Priester und ein Levit-, die vorbei gehen. Papst Franziskus ermahnt uns alle anders zu handeln: «Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmherzige Samariter zu sein oder gleichgültige Passanten, die distanziert vorbei gehen.» (FT 69) Das heutige Evangelium verbindet den Einsatz für jene Menschen, die unter die Räder geraten sind, mit der Liebe zu Gott. Jesus bringt seine Botschaft auf den Punkt als er nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, antwortet er: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.» und sofort fügt er hinzu: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Gott lieben - die Menschen lieben - sich selbst annehmen: das ist das A und O des Glaubens. Und was eindrücklich ist, alles ist auf derselben Ebene. Die Liebe zu Gott ist nicht wichtiger als die Liebe zu den Menschen und die Liebe zum Nächsten nicht wichtiger als die Liebe zu sich selbst. Liebe verträgt keine Über- oder Unterstellung. Jesus stellt die Gottesliebe auf dieselbe Ebene wie die Liebe zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Das heisst nichts anderes, als dass Gottes- und Nächstenliebe ineinander übergehen. Nächstenliebe ist Gottesliebe und Gottesliebe ist Nächstenliebe und sie ist und bleibt verbunden mit einer geschwisterlichen Gesellschaftsordnung, die auf Gerechtigkeit und Solidarität baut und in der niemand an den Rand gedrängt wird. Damit aber erfährt die Liebe eine unendliche Wertsteigerung.

Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Ubi Caritas, deus ibi est -Wo Liebe ist, das ist Gott.
Amen