Jürg Wüst

Lesung:                        Ex 17, 3-7
Evangelium:                Joh 4, 5-19    

Liebe Gläubige

Es war um die 6. Stunde, also in der grössten Mittageshitze, als sich die beiden Fremden am Jakobsbrunnen begegnet sind. Jesus war, müde von der Reise, durstig geworden. Die samaritische Frau besorgte sich Wasser für den Haushalt. Wohl am Mittag, weil sie so damit rechnen konnte, niemandem zu begegnen. Sie hat keine ruhmreiche Vergangenheit: Fünf Männer hat sie gehabt. Ihre Beziehungen sind immer wieder zerbrochen und so will sie sich den Blicken der anderen aus dem Dorf entziehen.

Zwei Durstige begegnen sich.

  • Jesus der Wanderprediger, der Wasser braucht nach dem anstrengenden Fussmarsch durch Samarien nach Sychar.
  • Die samaritische Frau, fühlt sich innerlich ausgetrocknet. So ohne Lebensperspektive nach all den gescheiterten Beziehungen, welche auch gesellschaftlich dazu führten, dass sie isoliert lebt und einsam wurde.

Hier zeigt sich: «Durst haben» hat unterschiedliche Dimensionen. Das wird deutlich im Gespräch Jesu mit der Frau, wo vom «lebendigen Wasser» die Rede ist. Das «lebendige Wasser» stillt den Durst nach Leben und erfüllt die menschlichen Sehnsüchte nach Anerkennung, nach Liebe und Geborgenheit. Jesus will dieses «lebendige Wasser» sein, nicht nur damals am Jakobsbrunnen, sondern auch heute hier bei uns im Gottesdienst und in unserem Alltag. Es gibt in jedem Leben Sehnsüchte, die nicht erfüllt wurden und werden. Es gibt in jedem Leben Durststecken zu bewältigen. Wenn Menschen in solchen Situationen die Erfahrung gelingender Begegnungen machen dürfen, dann bestärkt das, wie die Frau am Jakobsbrunnen sich öffnen und von ihrer Vergangenheit erzählen kann. So wie der Mensch Wasser braucht, so braucht er auch bestärkende Begegnungen und er braucht den Glauben und das Vertrauen und den Halt in Gott. Wie man den Durst nicht aus sich selbst heraus stillen kann, sondern nur, wenn man Wasser oder Flüssigkeit von aussen dem Körper zu führt, so ist es auch mit dem inneren Durst. Wir können nicht aus uns selbst heraus Kraft finden, sondern brauchen andere, die unseren Durst stillen. Und ganz besonders brauchen wir, so glaube ich, auch Gott. Es gibt Tage oder Phasen im Leben, da ist der Durst nach Leben gross. Da sucht man mehr also sonst nach Halt und Antworten auf Fragen, die sich einem stellen. Auch in solchen Phasen kann man die Antworten ohne Gott suchen. Man gleicht dann wohl aber jenen Menschen, die ständig zum Brunnen laufen müssen, um sich dort Wasser zu holen. Sie müssen feststellen, dass so zwar mancher Durst gelöscht werden kann. Aber letztlich gibt es wohl auch Sehnsüchte und Fragen, deren Durst nicht mit dem Wasser der Welt gelöscht werden kann. «Wer von diesem Wasser trinkt», sagt Jesus, «wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.» Jesus ermutigt, darauf zu vertrauen, dass Gott uns Menschen im Innern jene Lebenskraft schenkt, die man braucht. Der Brunnen als Gesprächsort im heutigen Evangelium erweist sich so auch als Bild für das Innere des Menschen. Es lohnt sich die Fastenzeit auch als Zeit zu nehmen, in den eigenen inneren Brunnen der Seele hinab zu steigen. Man kann den goldenen Ring auf dem Hungertuch auch als Brunnen sehen, in den wir hinabschauen. Die Fastenzeit lädt ein, nicht an der Oberfläche des Lebens zu bleiben, sondern unser Leben zu vertiefen und uns mit uns und dem Leben intensiver auseinanderzusetzen.,Wir können dabei getrost wie die Frau am Jakobsbrunnen auch Erinnerungen an schwere Lebenserfahrungen zu lassen, die in uns umso mehr den Durst nach Leben wachrufen. Wir können und dürfen das, weil wir die Zusage haben, dass Gott uns innerlich nicht austrocknen lässt. Jesus verheisst, «das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur sprudelnden Quelle werden.» Der Weg nach Innen kann vielleicht auch aufzeigen, wieviel Leben und Lebenskraft in uns steckt. Als Getaufte dürfen wir aus der Quelle des Lebens schöpfen, die in uns sprudeln will, tagtäglich. Amen