Jürg Wüst

Lesung:                 Weish 6, 12–16

Evangelium:        Mt 25, 1–13

Wir sind in diesen Tagen weiter gefordert, wachsam zu sein. Die Coronakrise ist noch lange nicht überstanden und wir sind mitten in der 2. Welle. Viele mögen das Thema kaum noch hören. Und doch verlangt die Situation, dass wir wachsam sind und bleiben. Eigentlich wissen auch wir, wie die Jungfrauen im Evangelium, was zu tun ist. Nicht alle nehmen das gleich ernst. Das Evangelium von heute könnte darum wohl kaum aktueller sein. Es ruft zur Wachsamkeit auf. Es spricht auf der einen Seite von klugen und auf der anderen Seite törichten Jungfrauen. Die Ankunft des Bräutigams hat sich verzögert. Manche haben nicht vorgesorgt. Sie haben kein Öl mehr in den Lampen und müssen sich welches besorgen. Sie sind dann bei der Ankunft des Bräutigams nicht da. Die klugen Jungfrauen haben sich auf ein längeres Warten eingestellt und haben darum genug Öl. Auch in der momentanen Situation können wir nicht anders, als uns auf eine immer noch längere Zeit einzustellen, in der wir uns in den Kontakten und Bewegungen beschränken müssen. Das braucht Energie und Kraft. Wir können uns darum fragen: Was ist das Öl, das uns leuchten und strahlen lässt. Wo haben wir die Energie und Kraft her, die unseren Lebensmut und unseren guten Willen zum Mittragen der öffentlichen Massnahmen stärken. Das Öl steht für Licht und Wärme. Es steht für den Glauben und die Hoffnung, das Vertrauen in Gott. Das Öl steht aber auch für das, was wir tun, für unsere Solidarität mit den Schwächeren und den besonders gefährdeten Personen, wenn wir auf manches jetzt verzichten. Das Öl steht aber auch für all das, was wir trotz der beschränkten physischen Kontakte weiter pflegen können: Gemeinschaft muss nicht abgesagt werden, auch wenn viele Gemeinschaftsanlässe fehlen. Das Evangelium lädt ein, sich wie die klugen Jungfrauen zu verhalten und für Öl in unseren Lampen zu sorgen. Das Evangelium lädt uns auch ein darüber nachzudenken, welche Prioritäten wir in unserem Leben setzen. Und hier ist Weisheit gefragt. Denn es kann sein, dass wir falsche Prioritäten setzen und dann das Wesentliche verpassen. Im Gleichnis tönt das sehr bedrohlich. Die fünf törichten Jungfrauen haben kein Öl. Sie besorgen welches und sind zur entscheidenden Zeit nicht bereit. Danach wird die Tür verschlossen und sie haben keine Chance mehr hineinzukommen. Es würde Jesus von Nazareth widersprechen, würden wir das Gleichnis so auslegen, dass Gott gewissen Menschen die Türe vor der Nase zuschlägt und sie nicht mehr zu sich lässt, wenn sie zu wenig aufmerksam im Leben waren. Noch schlimmer ist es, wenn wir den Bräutigam mit Gott oder Christus gleichsetzen und dann im Gleichnis erfahren, dass er die Jungfrauen nicht kennen will: Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen und sprach: «Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.» Gott, der Menschen abweist und von sich weist! Ein schwerer Gedanke!

Jesu Handeln war dem entgegengesetzt. Menschen guten Willens hat Jesus nicht von sich gewiesen, auch wenn sie nicht erfolgreich gehandelt haben und in ihrem Leben gescheitert sind. Vielleicht hat es der Evangelist Matthäus, der dieses Gleichnis überliefert, anders gesehen. Wohl ist das Gleichnis in der Tradition oft in dieser drohenden Art, insbesondere im Blick auf das Ende des Lebens, so ausgelegt worden: Passt auf, sonst wird Gott euch abweisen! Ich möchte das Gleichnis nicht als Drohung hören, sondern in seiner ganzen Dringlichkeit im Hier und Jetzt, die es schon enthält: Passt auf, seid wachsam, sonst kann es sein, dass ihr Wesentliches im Leben verpasst. Es kann sein, dass dann die Tür zum Hochzeitsfest, das sich hier und heute ereignen könnte, verschlossen ist und ihr auf eine neue Gelegenheit warten müsst. Unter Umständen eröffnet sich euch keine weitere Möglichkeit. Das ist dann traurig! Seid also wie die klugen Jungfrauen, denn ihr wisst weder die Stunde noch den Tag, wo sich im Leben Glücksmomente, eröffnen können,

  • wo eine Begegnung - und ist sie auch nur auf Distanz möglich - sich als sehr bewegend und bereichernd zeigt.
  • wo Menschen spüren dürfen, dass sie nicht allein gelassen sind.

Die klugen Jungfrauen haben vorgesorgt, so dass sie im entscheidenden Moment bereit waren. Wir können auch sagen, sie hatten dann keine noch lästigen Besorgungen zu tun, die sie von der Begegnung mit dem Bräutigam abhielten.

Wir sind heute alle hier zum Gottesdienst versammelt. Für mich ist das eine Gelegenheit unsere Öllampen zu füllen, unsere Herzen zu weiten, dass wir bereit sind im Alltag uns dort, wo wir gefragt sind, einzubringen, das Licht des Glaubens und Vertrauens leuchten zu lassen, so dass andere Menschen mit uns zum Hochzeitsmahl geladen sind, mitten im Alltag. Diese Chancen sollten wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Denn sie kehren oft nicht wieder. Machen wir uns auf die Suche, wie die klugen Jungfrauen. Wie hiess es noch in der Lesung: «Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; wer sie liebt, erblickt sie schnell, und wer sie sucht, findet sie.»
Amen