Jürg Wüst

Lesung:               Kor 13, 11–13
Evangelium:    Joh 16, 12-153, 16–18                               

Liebe Gläubige

Bei der Vorbereitung der Predigt musste ich schmunzeln. Passender hätte die Lesung nicht gewählt werden können. Nachdem am Pfingstwochenende die Gottesdienste wieder aufgenommen werden durften, folgen nun weitere Schritte hin zur Öffnung und Normalisierung. Hören wir nochmals Paulus. Er schreib an die Gläubigen in Korinth: «Schwestern und Brüder, freut euch, kehrt zur Ordnung zurück!»

Wir dürfen uns tatsächlich darüber freuen, wieder etwas Normalität zu gewinnen. Passend fährt Paulus fort: «Lasst euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden!» Übersetzt für uns heute heisst das, besonnen zu bleiben und was die Schutzmassnahmen betrifft am gleichen Strick zu ziehen.

Nach Paulus kann dann sichtbar werden, dass der Gott des Friedens bei uns wohnt, wenn wir das tun - eben eines Sinnes sind -, wenn alle dasselbe im Sinn haben. Und das ist nach wie vor von uns verlangt.

Verlassen wir jetzt aber das Thema: Corona.

Die Worte des Paulus enden schliesslich in einer Formel, welche oft auch als Einleitung zum Gottesdienst gesprochen wird und darum vielen bekannt ist:

Die Gnade des Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes…

Schon früh im Christentum wurden solche Glaubensformeln verwendet, die das göttliche in einer dreifachen Art ausdrücken. Wir nennen sie in der Fachsprache tinitarisch. Diese Formeln zeigen, dass vom einen Gott nur in unterschiedlicher Art gesprochen werden kann. Später wurde daraus das nicht einfach zugängliche Dogma der Dreifaltigkeit abgeleitet: Ein Gott in drei Personen. Das Wort Person ist sehr missverständlich in diesem Zusammenhang. Besser verständlich wird es, wenn man weiss, woher sich das Wort ableitet. Es stammt aus der griechischen Theaterarbeit, wo alle Figuren Masken trugen. Die unterschiedlichen Charaktere kamen erst durch die Stimmen zum Ausdruck, welche durch die Masken hindurch klangen. Person heisst durchklingen vom lateinischen Wort «per-sonare». Gott lässt sich nicht fassen. Wir können ihn nur erfahren, wenn etwas von ihm durch-klingt oder anklingt. Das ist dann der Fall, wenn wir Menschen an Grundfragen des Lebens rühren. Für mich liegt in der momentanen Situation darin auch eine Chance, dass vielleicht mehr Zeit für Gespräche da ist: In einer Diskussion bei uns am Mittagstisch war so plötzlich der Glaube Thema. Ich glaube nicht an Gott, meinte Damian. Ich glaube, was ich sehe. Für mich war diese Aussage gerade vom Jüngsten nicht gross verwunderlich. Jugendliche in seinem Alter sind in einer Phase, wo sie das sehen und erkennen, was fassbar ist. Grundfragen des Lebens sind an den Rand gedrängt. So hat in dieser Lebensphase auch Gott keinen Platz. Für mich ist klar, er ist auch dann da und wirkt, auch wenn Jugendliche sich das nicht eingestehen. Aber ist es in unserer westlichen Gesellschaft nicht ähnlich: Solange alles rundläuft sind die Grundfragen des Lebens zweitrangig. Auch Gott hat so wenig Raum. Vielleicht weist uns die momentane Situation wieder vermehrt auf die Grundfragen des Lebens und es wäre wertvoll, wenn wir das auch als Lehre aus dieser Zeit weitertragen würden:

Die Grundfragen des Lebens sind es, die unweigerlich die Frage nach Gott ins Spiel bringen. Im christlichen Denken ist das in drei wesentlichen Bereichen der Fall.

  • Da ist als erstes: Die Schöpfung und das uns geschenkte Leben. Wer das Leben betrachtet kann auf die Spur Gottes kommen.

Es kann etwas von ihm durchklingen.

Vielleicht ist es ihnen in der vergangenen Zeit wie mir ergangen, dass sie auf vieles in der Natur aufmerksamer waren. Wir staunen und bekennen glaubend: Da muss eine noch viel grössere Kraft sein als wir Menschen es sind. Wir nennen sie im Glauben Gott Vater.

  • Da ist als zweites die Erfahrung unserer Erlösungsbedürftigkeit.

Wir Menschen - das liess uns die Corona-Krise auch spüren - sind in unserem Tun begrenzt. Leiden und Not werfen Fragen auf, die sich nicht einfach beantworten lassen.

Gott kommt ins Spiel.

Jesus von Nazareth ist dem Leiden nicht ausgewichen. Er hat Menschen unterstützt und selbst sein Kreuz getragen.

Seine Geschichte kann uns zeigen, dass Gott die Menschen im Leid nicht allein lassen will. Das geschieht auch heute in tätiger Nächstenliebe, wo etwas von Gott und seiner Liebe durchklingen kann.

Wir sprechen von Gott, dem Sohn.

  • Als drittes ist die Erfahrung der Gemeinschaft. Auch das eine unverzichtbare Dimension des menschlichen Lebens. Wieder wurde das die letzten Wochen überaus deutlich, wo auf vieles in dieser Hinsicht verzichtet werden musste, gerade auch den Heimen.

Wenn wir Gemeinschaft erfahren dürfen, wenn es uns gelingt, miteinander diese Welt friedlich und zum Wohl aller zu gestalten, dann klingt auch da etwas von Gott und seiner Kraft durch. Wir reden von Gott dem Heiligen Geist.

In all den Grundfragen und Grunderfahrungen des Lebens haben wir es mit dem einen Gott zu tun. Dass die christliche Tradition von drei Personen zu sprechen begann, versteht sich, weil sich unsere menschliche Perspektive ändert und so das Göttliche auf unterschiedliche Art durchklingt. Gott als dreifaltig zu bekennen, ist so auch ein Bekenntnis zur Vielfalt des Lebens.

Amen