Jürg Wüst

Lesung:                             1 Jes 35, 1-6a.10 
Evangelium:                   Mt 11, 2-11                                             

Liebe Gläubige
Ein Knabe, er heisst Jonathan Jones und stammt aus Minnesota (USA). Er dürfte um die 12 Jahre alt sein und ist stark farbenblind.
Seit seiner Geburt hat er keine Ahnung, wie bunt die Welt ist – bis zu diesem Moment als der Direktor seiner Schule, der unter der gleichen Sehbehinderung leidet, ihm seine Spezialbrille leiht.
Mit dieser kann Jonathan auf einmal Farben sehen. In einem sehr bewegenden Video, das im Internet veröffentlicht ist, sieht man, wie tiefberührt Jonathan ist. Die Gefühle überwältigen ihn.
Wie stark müssten die Gefühle bei Menschen sein, wenn sie erleben würden, was der Prophet Jesaja in der heutigen Lesung beschrieben hat:
Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf.
Blinde, die sehen.
Taube, die hören
Lahme, die gehen
Und Stumme, die sprechen.
Welch grossartige, überwältigende Erfahrungen, die hier beschrieben werden. Wirklich kaum vorstellbar, wie berührt die Menschen wären.
Jesaja bettet diese Aussagen in eine Ermutigung:
„Sagt den Verzagten: seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Er selbst kommt und wird euch retten.“ (Jes 35,4)
In einer damals doch sehr aussichtslosen Situation, als Israel in Babylon fern der Heimat lebte, weil die Oberschicht deportiert wurde. Man sah für die Heimat keine Zukunft.
Die Menschen fühlten sich im Blick auf die Zukunft blind.
Sie waren in Bezug auf hoffnungsvolle Worte taub
Sie waren wie gelähmt von der Situation fern von Zion ihrer Heimat
und mit ihren Anliegen verstummt.
Was sollten sie noch erwarten?
Eindrücklich schildert der Psalm 137:
An den Strömen von Babel, /da sassen wir
und wir weinten, wenn wir Zions gedachten.
Denn dort verlangten, die uns gefangen hielten,
Lieder von uns, /
unsere Peiniger forderten Jubel: *
Singt für uns eines der Lieder Zions!
Wie hätten wir singen können die Lieder des HERRN,
fern, auf fremder Erde?
Verstummt sind ihre Lieder in der Gefangenschaft und jetzt kommt Jesaja und kündet Hoffnung an.
„Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion. Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern. Wonne und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.“
So hiess es in der Lesung.
Wir verstehen jetzt vielleicht eher, wie gross die Freude sein muss, wenn das eintritt. Wie bewegt die Menschen sein werden.
Die von Jesaja dem Volk Israel zugesprochen Hoffnungszeichen, wurden wieder hervorgeholt als Jesus in Israel wirkte. Wir haben es im heutigen Evangelium gehört, als Johannes wissen möchte, ob Jesus der verheissene Messias ist.
Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:
Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.»
Auch durch Jesus geschehen Hoffnungszeichen. Menschen, die keine Zukunft sehen, können wieder einen Weg sehen.
Menschen, die gelähmt sind, sich innerlich blockiert fühlen, können wieder Schritte tun. Menschen, die an Aussatz leiden und ausgegrenzt werden, gehören wieder dazu und werden nicht als unrein verschrien. Menschen, die die Hoffnungsbotschaft nicht hören konnten, werden offen für solche Worte, Menschen, die nicht mehr leben möchten, sich tot fühlen, werden lebendig und arme Menschen hören die frohe Botschaft, dass sie Gott nicht vergessen hat, sondern ganz besonders an sie denkt.
Jesus setze unzählige solcher Hoffnungszeichen. Verständlich, dass er als Licht der Welt gesehen wurde. Und wir ihn auch in unsren Tagen als Licht der Welt feiern können und dürfen.
Ja, die Hoffnungszeichen, die Jesaja dem Volk Israel und Jesus den Menschen in Galiläa zugesprochen haben, können du dürfen auch wir wieder «hervorholen» und aktivieren.
Wo gibt es bei uns das, dass
Blinde, die sehen.
Taube, die hören
Lahme, die gehen
Stumme, die sprechen.
und Arme die Frohe Botschaft verkündet wird?
Antworten wir darauf: Das gibt es nicht mehr! Wir würden zu sehr an den Wundererzählungen haften. Bleiben wir beim Erlebbaren.
Wo werden Menschen so tief bewegt, weil sie jetzt wieder sehen, hören, gehen und sprechen können?
Menschen, die vorgängig keine Zukunft mehr sahen oder taub für Hoffnungsworte waren? Innerlich gelähmt waren und nicht über Erlebtes sprechen konnten, weil es so schrecklich war.
Wo dürfen Menschen trotz all dieser Erfahrungen heute neu aufleben? Sie kennen sicher solche Beispiele, auch wenn man sie in den Nachrichten nicht oft hört. Aber es gibt sie. Und manchmal können auch wir ein Teil solcher Hoffnungsgeschichten sein.
Eine durften die Obdachlosen und Bedürftigen von Zürich im Zürcher Nobelhotel Marriott am zweiten Advent bereits zum 16. Mal erleben dürfen. Die Adventsfeier für Bedürftige, welche Pfarrer Ernst Sieber ins Leben gerufen hat, fand dort statt. Für sie kam nur das Beste auf den Tisch.
Wer den Bericht sah, konnte in ihren Augen das Leuchten sehen, ausgelöst von den überwältigenden Gefühlen.
Da wurde wahr, was Jesaja sagte: „Sagt den Verzagten: seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Er selbst kommt und wird euch retten.“ (Jes 35,4)

Amen