Jürg Wüst

Lesung:                             Sir 27,30 – 28,7
Evangelium:                   Mt 18,21–35                                          

Liebe Gläubige

Wer auf eine Wanderung geht oder sich auf einen Pilgerweg macht, nimmt einen Rucksack mit. Hineingepackt werden Dinge, die auf der Wanderung oder dem Pilgerweg nützlich sind und gebraucht werden. Man beschränkt sich auf das Wesentliche. Ich habe schon Geschichten gehört, dass zum Scherz Steine in den Rucksack von anderen gelegt wurden. Sobald der Scherz entdeckt wird, werden die Steine weggeworfen. Wir alle wissen das: Es macht keinen Sinn, Dinge einzupacken und mitzuschleppen, die nur unnötig Balast sind. Das Leben lässt sich mit einer Wanderung oder Pilgerreise vergleichen. Unsere Erfahrungen sind wie wertvolle, lohnenswerte Dinge, die wir in unserem Lebensrucksack eingepackt haben. Wir alle schleppen aber in unserem Lebensrucksack auch Belastendes mit. Wir können uns dem nicht einfach entziehen. Es bleibt oft nur zu schauen, dass das Belastende leichter wird oder wir uns stärken, dass wir den Lebensrucksack tragen können. In manchem Lebensrucksack gibt es auch Schuld, die mitgetragen wird. Schuld macht das Herz schwer. Wir tragen schwer und eigentlich ist das Tragen von Schuld und Schuldgefühlen unnötiger Balast für die Lebensreise. Manchmal tragen wir auch Schuld von anderen nach. Sie haben uns verletzt und wir können einfach nicht vergessen. Der Mensch, der schuldig geworden ist, hat es vielleicht längst nicht mehr im Blick, aber wir tragen immer noch schwer daran. Verletzungen bleiben und die Wunden heilen nur langsam. Wenn es aber gelingt, dass wir die Schuld nicht mehr nachtragen, wird der Lebensrucksack einiges leichter. Jesus ist es darum ein grosses Anliegen, dass der Balast von Schuld und Schulderfahrungen abgelegt werden kann und wir ohne Schuldgefühle und nachtragende Vorwürfe in unserem Lebensrucksack auf der Lebenspilgerreise weiter gehen können. Dem Thema «Vergebung und Versöhnung» gibt er darum ein grosses Gewicht. Im Reich Gottes, von dem Jesus spricht, soll es keinen Platz geben «für Groll und Zorn», wie es in der Lesung geheissen hat. Im Reich Gottes sollen Feindschaft, Unversöhnlichkeit oder irgendein Nachtragen überwunden werden. Dazu braucht es eine starke Versöhnungsbereitschaft. Im Evangelium wird dies durch die angegebenen Zahlen unterstrichen: Petrus fragt, wie viel Mal muss ich verzeihen und meinem Bruder vergeben. Sein Vorschlag ist biblisch gesehen schon stark. Er fragt 7 Mal, dann hiesse das eigentlich mit dieser Zahl der Fülle und der Vollkommenheit, dass Petrus fragt, wird von mir vollkommene Vergebung erwartet. Jesus könnte mit ja antworten. Er tut es nicht. Der Evangelist Matthäus unterstricht mit der Nachdopplung von 77 mal: verzeihen soll grenzenlos und unendlich, unzählbar und immer wieder geschehen. Diese ungebrochene Bereitschaft, anderen und sich selbst Schuld zu vergeben und nicht nachzutragen, wird gestärkt von der Überzeugung, dass Gott ebenfalls Schuld nicht aufrechnet. Zum besseren Verständnis wird das Gleichnis angefügt. Wieder spielen die Zahlen eine wichtige Rolle: Zehntausend Talente hat der Beamte beim König schulden. Wenn man rechnet, dass ein Denar der Tagelohn eines Arbeiters ist und 1 Talent 6 Tausend Denare ausmacht, dann sind das 60 Millionen Tagelöhne, das ist für damalige Menschen nicht vorstellbar. Umgerechnet in heutige Zahlen bewegen wir uns bei 10 Milliarden. Das kann der Beamte nicht zurückzahlen. Sein Schicksal wäre in der Antike besiegelt: Sklavendienst hätte das so oder so geheissen. Auch wenn der Beamte noch wollte, es wäre unmöglich. Und dann geschieht das Unfassbare: der König lässt den Knecht frei und ja, er erlässt ihm sogar die Schuld. So dürfen wir Gott im Zusammenhang mit Schuld und Vergebung sehen. Was auch immer wir getan haben, Gottes Barmherzigkeit ist unvorstellbar und unendlich gross. Ohne Gegenleistung. «Allein aus Gnade würden evangelische Theologinnen und Theologen betonen. Eigentlich wären wir mit unserer Schuld rettungslos verloren, aber Gott ist ganz anders. Was an diesem Gleichnis beeindrucken will, ist diese Grossherzigkeit des Königs. Ja, und wer auf diese Barmherzigkeit zählen darf, kann selbst vergeben. Das stärkt die Bereitschaft, sich und anderen Schuld nicht nachzutragen. Nicht aus eigener Kraft müssen wir aktiv werden, sondern das annehmen und weitergeben, was wir in überreichem Mass von Gott empfangen haben. «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Im Gleichnis können wir den Knecht nicht verstehen, der auf der Schuld seines Beamtenkollegen beharrt und ihm diese Schuld nicht auch erlässt. Das Gleichnis hinterlässt das Gefühl: «Wir würden es anders tun…» Nur spannend, dass es in der Praxis von Schuld und Vergebung dann doch oft anders ist. Wir sind und handeln nachtragend. Oft sind es Kleinigkeiten manchmal auch grössere Brocken. Aber uns allen würde es guttun, wir könnten sie aus unserem Lebensrucksack hinauswerfen und deponieren. Das Gleichnis lädt ein, von Jesus zu lernen, versöhnt zu leben und unsere Pilgerreise ohne unnötigen Ballast weiterzugehen. Motivation versöhnt zu leben zu können, gibt das vergebene Handeln Gottes. Dass Gott Schuld erlässt, muss ich verstanden haben, um mir selber Fehler zu verzeihen und jenen Menschen zu vergeben, die bei mir schuldig geworden sind. Anders formuliert: Ich muss verstehen, was Gott für mich getan hat. Anders kann ich nicht versöhnt leben und mich der Steine in meinem Lebensrucksack entledigen.
Amen